AGO2

Die Kraft des Teilens

Die weltweit erste Konferenz zu AGO1- & AGO2-Gendefekten fand im August 2022 in Regensburg, Deutschland, statt. Wissenschaftler und Familienmitglieder internationaler Herkunft trafen sich zu einem Austausch von Forschungsstand und persönlichen Erfahrungen mit diesen seltenen Krankheiten.

Organisiert wurde die Konferenz von der schweizerischen Non-Profit-Organisation AGO2 als Satellit der ersten Argonauten-Konferenz. 

Die Veranstaltung hat erfolgreich die Familien der Patienten zusammengeführt, das Verständnis für die Symptome erhöht, die Herausforderungen des alltäglichen Lebens beleuchtet und neue Forschungsideen gefördert.

Wir hoffen 2024 gemeinsam mit der Argonauten-Konferenz wieder zurück zu sein!

Lesezeit: 7 Minuten

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„Das ist der Grund, warum wir das machen“, sagt der Hamburger Wissenschaftler Davor Lessel, als der siebenjährige Finn auf seinen Schoß krabbelt. Finn ist Patient Nummer Eins. Der erste, bei dem 2016 eine krankheitsverursachende Veränderung auf dem AGO2-Gen diagnostiziert wird, die vier Jahre später Lessel-Kreienkamp-Syndrom (LESKRES) benannt wird. Inzwischen gibt es 35-40 diagnostizierte Fälle weltweit, und 48 mit dem verwandten AGO1 Syndrom (wir nennen diese hier kollektiv „Argonauten-Syndrome“). Bei einer ersten Konferenz kamen Ende August 2022 10 betroffene Familien und mehrere führende Wissenschaftler*innen in diesem Bereich physisch zusammen, und 8 weitere Familien nahmen virtuell teil - das sind 20% der bekannten Patienten.

Nora Leonardi eröffnet die Konferenz mit ihrer persönlichen Geschichte. Ihre Tochter war gerade fünf Monate alt, als sie mit epileptischen Anfällen auffiel. Ende 2020, vier Jahre nach Finns Eltern, bekommen auch Nora Leonardi und ihr Mann Christoph in der Schweiz die Diagnose Veränderung auf dem AGO2-Gen ihrer Tochter. Und auf ihre vielen Fragen nur sehr wenige Antworten: Ein super seltenes Syndrom, über das man noch nicht viel weiß, einhergehend mit kognitiven Einschränkungen, Sprachentwicklungs- und motorischen Störungen, vielleicht mit Autismus und Verhaltensauffälligkeiten. Es gebe keine Behandlung und keine Heilung, man könne nicht viel tun. 

„Das war so frustrierend, hat mich so traurig gemacht und vor allem fühlte ich mich so isoliert“, sagt Nora Leonardi. Sowohl sie als auch ihr Mann haben einen wissenschaftlichen Hintergrund. Sie suchen nach Perspektiven. Bei ihrer Recherche finden sie andere Patient*innengruppen, die die Forschung zu den Krankheiten ihrer Kinder und Therapiemöglichkeiten massiv vorangetrieben hatten. 

AGO2 Association President Nora Leonardi opens the conference

Und nun steht Nora Leonardi hier, als Präsidentin des Vereins AGO2 eröffnet sie die erste Konferenz zu AGO1- und AGO2-Syndromen mit den großen Zielen: Familien zusammenbringen, Aufmerksamkeit erzeugen und über das Syndrom informieren, Behandlungsmethoden finden. „Der Weg zur Behandlung ist weit und wir sind ganz am Anfang“, sagt Nora Leonardi. Bei dem Treffen finden die Erfahrungen betroffener Familien aus der ganzen Welt, der Wissensstand führender Wissenschaftler auf diesem Gebiet und die Ratschläge einer der erfolgreichsten Elterninitiativen zueinander. 

Gegen die Isolation

Dr. Schey moderates a panel with patient families on their lived experience

Es beginnt mit der Perspektive der Familien – erzählt von Ashley aus den USA, Mutter eines 15-jährigen Sohns mit AGO1-Syndrom, Stephanie aus den Niederlanden, Mutter eines 5 Jahre alten Sohnes mit LESKRES und Antje aus Hamburg, Mutter von Finn. Die drei sprechen mit Moderatorin und Gesundheitsökonomin Carina Schey über den Moment, in dem klar wird: Es stimmt etwas nicht. Über den teils langen Weg zur Diagnose und welchen Unterschied sie macht. Über die Belastungen für die Familie, die Bedeutung von Unterstützer*innen, nationale Besonderheiten in der Finanzierung von Diagnosen und Behandlungen, die Frage nach weiteren Kindern, Umgang mit Pubertät und nach Lebensperspektiven. 

Die durch den Verein AGO2 entstandenen Beziehungen zwischen Familien, die wirklich "verstehen", wie es ist, mit AGO zu leben, bieten eine unermessliche Unterstützung. Diese Konferenz hat eine langfristige Verbindung und Hoffnung für unsere gemeinsame Sache geschaffen, die sich positiv auf Kinder und die ganzen Familien auswirken wird.

Ashley, Mutter

Die Geschichten sind sehr verschieden und geben eine Idee davon, wie groß die Bandbreite der Entwicklungsstörung der Kinder und Jugendlichen mit AGO1 und AGO2 ist. Es gibt viele Fragen und Wortmeldungen aus dem Publikum vor Ort und vor den Bildschirmen. Eltern aus Deutschland, Dänemark, Argentinien, der Schweiz und den USA sind zugeschaltet. Und auch nach der Diskussion stehen Eltern zusammen, es fließen Tränen. „Das passiert immer, wenn ich unsere Geschichte erzähle“, sagt Antje. Noch immer schwinge viel Traurigkeit, auch Hilflosigkeit und Isolation mit. Aber Antje sagt auch, und sie ist nicht die einzige, wie viel Kraft im Teilen dieser Geschichten steckt.

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Was weiß die Forschung? 

Sie kannte vorher keine der Familien, die hier sind, sagt Prof. Amélie Piton, die in Frankreich zu AGO1 forscht. Sie kannte nur die Beschreibungen in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Deshalb sei es für sie ein besonders emotionaler Moment, hier in Regensburg einige dieser Kinder und ihre Eltern kennenzulernen. „Ich weiß, sie haben keine Wahl“, sagt Piton mit hörbar bewegter Stimme. „Aber ich bewundere sie sehr für das, was sie hier tun.“

Dieses Treffen war für mich sehr bewegend und hat mich noch mehr motiviert, die Folgen von Mutationen in AGO1/AGO2 zu verstehen.

Prof. Piton, AGO1-Forscherin

Piton forscht in Strassburg, Dr. Davor Lessel und Prof. Hans-Jürgen Kreienkamp in Hamburg an krankheitsverursachenden Mutationen im AGO1- bzw. AGO2-Gen. Lessel betont, dass es Sinn macht, beide Mutationen gemeinsam zu betrachten, weil sie ein ähnliches, wenn nicht sogar gleiches Syndrom hervorbrächten.

Prof. Piton, Dr. Lessel, Prof. Kreienkamp and Prof. Meister share research updates and answer questions from families
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Lessel ist einer der Erstbeschreiber des auch nach ihm benannten Lessel-Kreienkamp-Syndroms. Er ist wie seine Kolleginnen live vor Ort in Regensburg und zu Beginn seines Vortrags nimmt er die Zuhörenden noch einmal mit auf eine Reise durch die Genetik und die Entstehung seltener Erkrankungen. Mehr als 50 Prozent aller neurologischen Entwicklungsstörungen entstehen durch sogenannte De-Novo-Mutationen, die erstmals in der Ei- oder Samenzelle oder bei der frühen Zellteilung auftreten. „Es ist wichtig zu wissen“, sagt Lessel mit Blick auf die Eltern, „dass Sie bei einer de-novo-Mutation absolut nichts falsch gemacht haben“. Solche Mutationen trage jedeR von uns in sich – die Frage ist nur, an welcher Stelle im Genom. In einer kritischen Region kann diese Mutation ein Syndrom mit schwerwiegenden Symptomen verursachen. 

Es sei für mehr als 1.000 der insgesamt über 20.000 Gene bekannt, dass eine Mutation zu einer neurologischen Entwicklungsstörung führen könne, ergänzt Amélie Piton. „Jede davon ist selten, aber alle zusammengenommen, sind sie dann gar nicht mehr selten.“

Die Bandbreite, die sich schon bei den drei Familien auf dem Podium zeigte, setzt sich auch in der Umschreibung der bisher wissenschaftlich erfassten Symptome fort. Für die erste Publikation zu Lesssel-Kreienkamp-Syndrom hatte Lessel die Berichte einer Vielzahl von Kolleg*innen im In- und Ausland zusammengesammelt. Doch diese Berichte ließen viele Lücken: Wie stark sind kognitive, motorische und sprachliche Einschränkungen ausgeprägt, in welchem Alter machen sich Verhaltensauffälligkeiten bemerkbar, mit welchen Medikamenten wurden epileptische Anfälle behandelt? 

„Uns fehlen wichtige medizinische Informationen und es gibt Informationen, die wir nur von Ihnen bekommen können“, wendet sich Lessel an die Eltern. Sie hätten nun eine Kollegin, die so viele Interviews mit Eltern wie möglich führen wird. „Nur so können wir verstehen“, sagt Lessel. Schon bei den Gesprächen an diesem Tag habe er neue Erkenntnisse zu wiederkehrenden Symptomen gewonnen. 

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Es war eine sehr bewegende Erfahrung, Menschen mit erstaunlichem Mut zu treffen. Es war wirklich eine Ehre, an der Konferenz teilzunehmen und solche Persönlichkeiten kennen zu lernen.

Marc, Wissenschaftler

Doch das ist nur ein Teil der künftigen Forschung. Nur wenn sie besser verstehen, was genau durch die Veränderungen im AGO1 und AGO2-Gen passiert, dann könnten Kinder besser diagnostiziert und betreut, irgendwann in der Zukunft auch therapiert und geheilt werden, sagt Piton. Zell- und Tierstudien werden dafür nötig sein. Piton, Lessel und Kreienkamp arbeiten bereits daran und erhoffen sich Unterstützung von Wissenschaftlerinnen, die zu den Argonauten-Genen forschen, von Pharmafirmen und privaten Forschungsunternehmen. Es war übrigens kein Zufall, dass die AGO2-Konferenz in Regensburg stattfand. Vorgängig hatten sich die weltweit führenden Expertinnen in Sachen Argonauten-Forschung auf Einladung des Regensburger Professors für Biochemie, Gunter Meister, am selben Ort getroffen, und einige sind auch für die Argonauten-Syndrom-Konferenz geblieben.

Family and scientists who attended the first Argonautes and the first Argonaute syndrome conferences

Wie kann es weitergehen?

85 diagnostizierte Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt, das ist unglaublich wenig. Und auch wenn es in Sachen AGO1 und AGO2 engagierte Wissenschaftler*innen gibt, sind die superseltenen Erkrankungen nicht das dankbarste Forschungsfeld. „Wenn es da eine gibt, von der Sie lernen können, dann ist es Leslie Gordon.“ Das hatte Wissenschaftler Lessel zu AGO2-Mitgründerin Nora Leonardi gesagt. Und nun war eben diese Leslie Gordon als virtueller Gast bei der ersten AGO2-Konferenz zugeschaltet.

Dr. Leslie Gordon ist Gründerin der Progeria Research Foundation (PRF), die seit 20 Jahren die Erforschung und Behandlung von Progeria, einer sehr seltenen Frühalterungserkrankung, maßgeblich geprägt hat. „Ich bin vor allem eine Mom und da kommt all das her“, sagt Leslie Gordon ganz am Anfang. Ihr Sohn Sam bekam 1998 im Alter von 22 Monaten die Diagnose Progeria, 1999 gründeten Leslie Gordon, selbst Medizinerin, und ihr Mann die PRF, die sich bis heute der Suche nach einer Heilung der tödlichen Erkrankung verschreibt. 

Damals arbeitete fast niemand an der Erforschung von Progeria, es war noch nicht einmal bekannt, dass es sich um eine genetische Erkrankung handelt, es gab keine Forschungsgelder und für Familien und Ärzte weder einen Ort zur Information noch zur Behandlung. Die PRF baute ein Patientinnenregister auf – „vielleicht der wichtigste Schritt, nicht nur zur Vernetzung der Familien, sondern auch als Basis für die Forschung“, sagt Gordon. 218 Forschungsteams in 26 Ländern haben inzwischen an Progeria geforscht. PRF brachte Wissenschaftlerinnen in 13 Konferenzen zusammen, veröffentlichte Handbücher für Eltern und Fachkräfte. 2020 wurde das erste Medikament zur Behandlung von Progeria in den USA zugelassen. Es verlängert die Lebenserwartung der Kinder und Jugendlichen um Jahre. „Wir haben Wege zur Behandlung, aber noch keine Heilung, wir sind irgendwo in der Mitte“, sagt Leslie Gordon.  

Progeria's path to a treatment. Red = steps that could be taken only once the gene was identified. (c) Progeria Research Foundation

Michael Pettigrew vom US-amerikanischen Biotechnologieunternehmen BridgeBio Pharma gibt in einem letzten Vortrag der Konferenz noch wertvolle Tipps, unter welchen Voraussetzungen Pharmaunternehmen sich für klinische Studien zur Behandlung seltener Erkrankungen interessieren.  

 Vor allem technologisch habe sich in den vergangenen Jahren so viel getan, sagt schließlich noch Leslie Gordon. Sie hoffe daher, dass es für AGO1 und AGO2 viel schneller gehe als bei Progeria, wo es zunächst Jahre brauchte, um die genetische Ursache der Erkrankung zu finden. „Da seid Ihr schon weiter und es ist so wichtig, was Ihr macht“, sagt Gordon zum Publikum in Regensburg und im Life-Stream. „Niemand kann es so gut machen wie Ihr!“

Wir brauchen ein hochwertiges Patientenregister sowie Erkenntnisse aus anderen seltenen Krankheiten. - Vielen Dank an das European Joint Programme on Rare Diseases und Costello Medical für die Unterstützung dieser Konferenz.

Silvio, Grossvater

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Wir hoffen, Sie 2024 an einem Satellitenmeeting der Argonautenkonferenz wiederzusehen!


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